Der 42-jährige arbeitslose Klempner aus Karlsbad (Tschechien) lebt auf der Strasse.

NACHZUG: Strassenmusiker als Fremdkörper – ein Schauplatz

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Aarau · Die Aargauer Vorstadt ist tagsüber stets belebt, doch die Menschen verweilen nicht. Sie eilen von Laden zu Boutique zum Supermarkt. Mittendrin hofft einer darauf, ein wenig wahrgenommen zu werden.

Strassenmusiker Robert Partel in der Aarauer Vorstadt. Der 42-jährige arbeitslose Klempner aus Karlsbad (Tschechien) lebt auf der Strasse. (Foto: Elia Diehl)
Hier der bisher nicht veröffentlichte Schauplatz-Artikel rund um den in der Aarauer Vorstadt musizierenden Robert Partel. Hieraus entstand später das Portrait über den Strassenmusiker

Er tritt gegen den verbeulten Futternapf. Es scheppert, Münzen rollen über die Pflastersteine. Der junge Mann in Anzug, mit Designer-Sonnenbrille und Benetton-Einkaufstasche übergeht den Hund auf der Decke mit einem grossen Schritt unbeirrt.

Gitarre und Mundharmonika von Robert Partel verstummen abrupt. Der rundliche Strassenmusiker hebt sich langsam vom Hocker und beugt sich aus dem Hausschatten in der Aarauer Vorstadt vor: Liegenden Hund streicheln; Münzen einsammeln; Blechschale und gelbes Badeentchen mit grünem Hut wieder fein säuberlich ausrichten. Das aufgequollene, gerötete Gesicht des 42-jährigen Tschechen ist regungslos. Auch als er sanft und anmutig mit Bob Dylans «Blowing in the Wind» fortfährt: «How many times can a man turn his head, and pretend that he just doesn’t see?»

Unsichtbar

Doch Robert Partel ist es sich gewohnt, er drängt sich nicht auf. Meist wird er übersehen, seine Musik nicht gehört. Wird er doch wahrgenommen, dann weicht der Blick oft aus, flüchtet zu Boden, zum gelben Rollkoffer vor dem Schaufenster oder zum Hund – als wolle man nicht sehen.

Ein kleines Mädchen starrt indes fasziniert, zerrt an der Hand er Mutter, die weiter möchte. Sie gewährt der Tochter einen Zweifränkler. Der Tscheche nickt. Beim Weggehen schaut das Mädchen immer wieder über die Schulter zurück.

Die Geschäfte locken in die Aarauer Vorstadt. Zwei Teenager in Sommerkleidern und Highheels biegen am schulfreien Nachmittag zielstrebig am Singenden vorbei in die nächste Strasse ein. In den Ellenbögen mehrere Taschen verschiedener Läden, Handy und Zigarette in den Händen. Sie beachten ihn nicht. «Er sollte besser arbeiten gehen», sagt eine, es sei nicht ihr Problem.

Warum er das mache, «wollen sie aber nicht hören.» Robert Partel stottert. Es passt gar nicht zum geschmeidigen Gesang des arbeitslosen Klempners aus Karlsberg. Nun bereiten ihm die Worte Mühe. Er kratzt sich dabei an der Schläfe, die Fingerkuppen sind mit dicker Hornhaut überzogen, in denen die Gitarrensaiten schwarze Gräben hinterlassen haben. Gerade hat er seine Medikamente gegen Epilepsie und Depression genommen. «Jetzt zwanzig Minuten», sagt er, kippt seinen Kopf zur Seite auf die aufeinander gelegten Hände, «müde.» Er steht auf: «Spazieren mit Hund.»

Glück

Gelegentlich greifen Passanten beiläufig in die Hosentaschen, auf der Suche nach Kleingeld. Manchmal werden sie fündig, wie die zwei vorbeischlendernden Teenager. Hundefutter und Wasser bringen sie kurz danach aus dem Laden dem Strassenmusiker. Sie setzen sich auf nahe Treppenstufen eines Hauseinganges, hören zu. «Was, wenn ich dieser Situation wäre?», sagt der 17-jährige Italiener Luca. Im Hintergrund erklingt Felicità von Albano Carrisi . «Ich heul gleich», sagt Luca und geht. Eine Frau hetzt vorbei und wirft etwas in den Fressnapf – aus Gewohnheit. Wenn sie in der Stadt jeweils hunderte Franken ausgebe, «dann tun fünf mehr nicht weh.»

Nur ein Trick

«Danke Chefin Lidia», sagt Partel zur Verkäuferin der Modeboutique gegenüber. Ein Teller Joghurt für den 17-jährigen Hund; einen Kaffee für den Obdachlosen; wie immer, aus Mitleid und weil er schön singt.

«Och, ist der Süss!» In der Schale klimpern die Münzen der Frau, während sie den Hund streichelt. Es sei jedoch eigentlich eine billige Masche, sagt die Hundefreundin zu Partel.  «Nein, bitte», der Strassenmusiker zittert, kämpft mit den Tränen, «ich liebe Bara!» Wäre er alleine,  würde er wahnsinnig.

Himmel

«Geben Sie ihm noch Wasser, Robert», sagt eine Rentnerin mit Einkaufswägelchen. Sie drückt Partel eine Plastiktasche mit Essen in die Hand – wie jedes Mal wenn die 82-Jährige einkaufen geht. Allen Strassenmusikern traue auch sie nicht, er aber habe ihr den Ausweis gezeigt und alles erzählt. Der Glaube verbindet sie. Viel hat die Sozialhilfeempfängerin nicht, aber  man müsse zu den Mitmenschen schauen, das komme irgendwann zurück. Währenddessen singt Robert Partel Tears in Heavan von Eric Clapton:  «Would you know my name, if I saw you in heaven?»

Kommentar des Autors
Bevor ich das Portrait über Robert Partel schrieb, verfasste ich einen Schauplatz-Artikel für einen Kurs meiner Ausbildung. An vielen Stellen, insbesonderen wenn es um Robert Partel geht, ist er deckungsgleich. Dieser Artikel nimmt verglichen mit dem Portrait, das sich verständlicherweise auf den Strassenmusiker fokussiert, mehr die Perspektive der Passanten und mir in den Fokus.

Elia Diehl

Elia Diehl

Journalist at AZ Medien
Journalist bei einer regionalen Zeitung, studierter Sportwissenschaftler und Sportlehrer, emotionaler und kritischer Vieldenker, im Herzen stets nur Musiker gewesen, in der Küche immer auf der kreativen Suche nach dem kulinarischen Orgasmus, Möchtegernmaler, rastlos auf der Flucht vor sich selbst mit Drang, einfach fortzugehen.
Elia Diehl

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