Das neueroeffnete Gassenzimmer beim Friedhof Wolfgottesacker und MParc.

Mein 2013: Jahresrückblick eines Hoffnungslosen und Drogenabhängigen

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«Ich lebe zu gerne, um mich umzubringen»

Gassenzimmer Er ist gelernter Maler. Seit fünf Jahren arbeitslos, seit über 30 drogenabhängig. Hoffnung hat Daniel Hohl keine, aber er lebt gerne, insbesondere, weil ihm seine beiden Kinder das Wichtigste sind.

Das neueroeffnete Gassenzimmer beim Friedhof Wolfgottesacker und MParc.

MEIN 2013 begann gleich mit dem Höhepunkt: Das Sozialamt zahlte mir ein fünftägiges Skilager oberhalb von Brig. Zum ersten Mal seit über 30 Jahren stand ich auf Skis. Der erste Tag war noch ein Geknorze, danach war es supercool. Ich wusste schon gar nicht mehr, wie man Ferien überhaupt schreibt.

Das Jahr war wie die vorhergehenden: Mein Leben glich einer Mühle, die sich Tag für Tag exakt gleich drehte. Dennoch fehlte mir eine klare Tagesstruktur, nur der Gang ins Gassenzimmer blieb. Ich will aber arbeiten! Mit 400 Franken vom Sozialamt lässt es sich kaum leben. In meinem Alter und mit meiner Krankheit kriegte ich jedoch nur Absagen. Wegen der rheumatoiden Polyarthritis könnte ich nur halbtags arbeiten. IV habe ich nicht. Was sollte ich denen auch sagen? Mal laufe ich rum wie der Glöckner von Notre Dame, dann bin ich wieder schmerzfrei. Aber ich will nicht klönen. Es ist bloss so frustrierend. Hoffnung habe ich keine mehr. Ich lebe von Tag zu Tag, von der Hand in den Mund.

Wer ist Daniel Hohl?
Der gelernte Maler ist 53 Jahre alt, geschieden und hat einen Sohn (25) und eine Tochter (21), die er alleine aufgezogen hat. Nach der RS kam er mit Drogen in Kontakt – und nicht mehr davon los. Gassenzimmer sind sein zweites Daheim. Seit fünf Jahren hat Daniel Hohl rheumatoide Polyarthritis und ist ebenso lange auf Arbeitssuche. Als junger Mann arbeitete er als Kulissenbauer am Stadttheater. Er wohnt im Elternhaus in Allschwil bei seiner Mutter, beide Kinder haben eine Wohnung im umgebauten Bauernhaus. (EDI)

POSITIV BLEIBE ich aber. Ich bin ja selbst schuld. Ich habe ein Vermögen verlocht. Ich hatte auch schon genug und dachte, jetzt klinkst du dich aus und springst irgendwo runter. Aber mir fehlte der Mut. Ich lebe einfach zu gerne, um mich umzubringen. Meine Kinder sind mir zu wichtig. Sie waren immer mein Antrieb, mein Stolz; doch hätte ich mir noch mehr Mühe geben sollen.

Lichtblicke gibt es immer wieder, es sind die kleinen Dinge, an denen ich mich halte: eine Einladung zum Essen bei meiner Tochter, das Streichen der Hausfassade mit meinem Sohn oder Wald-Spaziergänge mit Elvis, dem Hund meiner Mutter. Oft ging ich nachts, wenn ich nicht schlafen konnte. Ich genoss den Sternenhimmel, den Mond und die Ruhe. Anderen riet ich, in der Natur zu laufen. Aber sie rennen bloss von einem Gassenzimmer zum andern. Ich suchte Abwechslung, ich wollte nicht abstürzen. Aber wohin? Ich weiss nicht mehr, wie es ist unter «normalen» Leuten. Zum Glück habe ich einen guten Freund gefunden, auf den ich mich wirklich verlassen kann.

LEBEN UND TOD waren wieder sehr nahe, gerade bei uns. Am 1. August war ich erstmals seit Jahren wieder im Rhein schwimmen, vom Birsköpfli bis zum Drei König. Wunderschön. Dann rückte die Polizei aus. Später erfuhr ich, dass ein Kollege ertrunken war. Ich weiss nicht, ob Selbstmord oder Unfall. Das lässt mich nachdenken, aber ich lernte eine gewisse Gleichgültigkeit, nach ein paar Tagen ist es vergessen. Nicht bei Menschen, denen ich sehr nahe bin. Doch ist es nicht überall so, wer hat 2013 noch von Fukushima geredet?

Vor wenigen Wochen ist meine Ex-Freundin vor den Zug gesprungen. Wir waren schon zwei Jahre getrennt, aber sie bedeutete mir viel. Es ist nicht das erste Mal: Meine grosse Liebe Angi ist in meinen Armen gestorben. Das ist jetzt sechs Jahre her. «Mir gehts gut, habe nur etwas Bauchweh», sagte sie und schloss die Augen – Herzversagen. In den letzten Jahren starben mein Vater, Bruder, Freundin und Ex. Ich frage mich oft, ob ich an dieser Misere schuld bin.

ZU SILVESTER haben wir uns ein Fondue chinoise mit Pferdefleisch gegönnt – der zweite Höhepunkt des Jahres. Und so geht es 2014 weiter: Trotz Wahnsinnsangst vor dem Zahnarzt freue ich mich, dass ich im Januar neue Zähne bekomme. Dann kann ich auch wieder unter die Leute, ohne mich zu schämen. Vorsätze hab ich aber keine, ich halte mich eh nicht daran. Aber einen Traum: Ich möchte meine Angi zurück, denn mit ihr wäre ich alt geworden!

Aufgezeichnet von Elia Diehl. Erschienen am 3. Januar 2014 in der bz Basel / Basellandschaftlichen Zeitung. Fotos: Martin Töngi

 

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20140103_BZ_Jahresrückblick von Daniel Hohl

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Elia Diehl

Elia Diehl

Journalist at AZ Medien
Journalist bei einer regionalen Zeitung, studierter Sportwissenschaftler und Sportlehrer, emotionaler und kritischer Vieldenker, im Herzen stets nur Musiker gewesen, in der Küche immer auf der kreativen Suche nach dem kulinarischen Orgasmus, Möchtegernmaler, rastlos auf der Flucht vor sich selbst mit Drang, einfach fortzugehen.
Elia Diehl

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