Fam Baydar

Wie ein Ex-Profi-Fussballer zum blitzschnellen Pizzabäcker wurde

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Baden · Seit bald zehn Jahren gibt es an der Haselstrasse das Lokal «Speedy Food». Hier serviert die aramäische Familie Baydar aus Gebenstorf die wohl schnellste Pizza in Baden.

Mit schnellen Pizzas zum Erfolg: Familie Byadar mit Sohn Robert (hinten links), Vater Georg, Mutter Verdi und dem fünfjährigen Enkel und grössten Kritiker Eneas (vorne). (Foto: Chris Iseli/AZ)

 

Kaum Tageslicht dringt in das kleine Lokal vis-à-vis dem Trafo. Das Schaufenster zur Haselstrasse ist fast komplett mit einem Aufkleber von Speedy Gonzales, der schnellsten Maus Mexikos, verdeckt. Die teilweise orangen Wände schlucken das kühle Licht der Neonröhren im rustikal eingerichteten Raum. Ein Dutzend Tische, zwei Deckenventilatoren, zwei Kühlschränke und ein paar Bilder von New York. Und dennoch ist es im «Speedy Food» zur Mittagszeit rappelvoll: Denn seit nun zehn Jahren serviert Familie Baydar hier die wohl schnellste Pizza in Baden.

«Dreimal Prosciutto», tönt es von hinter der Theke. «Nein nicht du, ihr dahinten.» Robert Baydar behält auch im grössten Gewusel den Überblick. Mit einem Lächeln nimmt er zeitgleich Bestellungen auf, kassiert ein, holt Pizzas aus dem Ofen und scherzt mit den Gästen. «Mittags bin ich der Kapitän auf dem Schiff», sagt er lachend. Seit sechs Jahren arbeitet er im Lokal seiner Eltern. Bis zu 150 Pizzen reicht er täglich über die Theke.

Eine neue Heimat gefunden

Um seinen Hals trägt der 32-jährige Gebenstorfer mit türkischem Pass unverkennbar ein Kreuz. Robert Baydar ist Aramäer. Mutter Verdi und Vater Georg sind in Mesopotamien aufgewachsen. In der aramäischen Kleinstadt Idil im Dreiländereck an der türkisch-syrisch-irakischen Grenze wohnten sie Haustür an Haustür. «Heute leben dort kaum mehr Aramäer», sagt Georg Baydar. Bereits im 1. Weltkrieg schrumpfte die christliche Minderheit im Südosten der Türkei. Hunderttausende starben beim Genozid, der von der offiziellen Türkei noch immer bestritten wird.

Meine Heimat ist heute die Schweiz, denn sie bedeutet Freiheit und Frieden.Gerog Baydar, Speedy Food Baden

Ein Attentat auf einen syrisch-orthodoxen Bürgermeister löste 1974 die grösste Auswanderungswelle von Aramäern nach Europa aus. Auch Verdi Baydar verliess – schweren Herzens – ihre Heimat und ihre Jugendliebe Georg. Sie floh in die Schweiz. «Es herrschten Krieg, Armut und Hunger», sagt Georg Baydar, der seiner Frau ein Jahr später folgte. Man habe dort nicht mehr leben können. «Wer die Chance hatte zu gehen, der ging.» Er kam als Gastarbeiter in die Schweiz, eine Rückkehr schloss er damals noch nicht aus. Nun sind 40 Jahre vergangen und in Idil verbringt er nur noch einmal pro Jahr seine Ferien. «Ich bin glücklich hier. Meine Heimat ist heute die Schweiz», sagt Georg Baydar, «denn sie bedeutet Freiheit und Frieden.»

Aus der Not heraus

Ende der 70er-Jahre kam das Paar aus dem Bündnerland in den Aargau. Beide arbeiteten sie damals in der ehemaligen Spinnerei Kunz in Windisch. Als es in den 90er-Jahren mit dem Unternehmen langsam bergab ging, fand Verdi Baydar eine Nachdienst-Stelle im Kantonsspital Baden (KSB). Ihr Mann indes wurde arbeitslos.

Es war eine schwierige Zeit für die vierfachen Eltern. «Mein Problem ist, dass ich nicht gut Deutsch schreiben und lesen kann», sagt Georg Baydar. Nichts zu tun, kam aber nicht infrage. «Arbeiten ist gesund», sagt er, und wenn man wolle, könne man alles erreichen – gerade in der Schweiz. Aus der Not machte sich Georg Baydar selbstständig und eröffnete an der Zürcher Langstrasse einen kleinen Kebabstand. «Eine strenge, aber schöne Zeit», erinnert sich Verdi Baydar lächelnd. Neben ihrer Arbeit im KSB half sie ihrem Mann im Kebabladen. Sie liebte die Lebendigkeit des Zürcher Quartiers und die vielen unterschiedlichen Menschen, die täglich vorbeikamen. «Es war wie in einem grossen, bunten Aquarium.»

Als die Söhne vor zehn Jahren den leerstehenden Teppichladen an der Haselstrasse entdeckten, zögerte die Familie nicht und eröffnete das Lokal «Speedy Food». Georg Baydar: «Wir haben in Baden eine höhere Lebensqualität.» Vor allem die Nähe zu seinen Kindern geniesst das Paar. Mit dem Bus seien sie in wenigen Minuten in Gebenstorf, zu Hause, bei der Tochter und den drei Enkelkindern.

Unterstützung vom Fussballprofi

Sohn Robert arbeitet aber erst seit rund sechs Jahren im «Speedy Food». Der schnelle Linksfuss hatte alles auf die Karte «Fussball» gesetzt. Als 18-Jähriger ging er zurück ins Land seiner Eltern. Bei Trabzonspor am Schwarzen Meer blieb er aber nicht lange. «Als türkischer Christ war es für mich dort nicht leicht.» Profi wurde er später dennoch. Der schwedische Fussballklub Assyriska FF in Stockholm nahm ihn 2006 unter Vertrag. Eine Verletzungsserie verhinderte jedoch den grossen Durchbruch des Stürmers. Nach zwei Saisons kehrte er zurück in der Schweiz und hängte seine Fussballschuhe an Nagel. Ob er das Lokal später einmal übernehme? «Ehrlich, das ist mir zu stressig», sagt er grinsend. «Und ohne die Geheimrezepte meiner Eltern bin ich nichts.»

Geschäftsinhaberin Verdi Baydar ist heute bereits 64 Jahre alt, ihr Mann ist zehn Jahre jünger – exakt. Beide sind offiziell am 1. Januar geboren. Ihren wahren Geburtstag kennen sie nicht, wie viele andere im Südosten der Türkei. Trotz bevorstehender Pensionierung will Verdi Baydar noch lange nicht aufhören. Nicht für Reichtum, sondern da sie arbeiten zu können stets als Privileg empfunden habe. «Es reicht doch, wenn du gesund bist und gut leben kannst», sagt Georg Baydar genügsam.

Weder Mohammed noch Jesus würden je Menschen töten wollen.Gerog Baydar, Speedy Food Baden

«Gott gibt und nimmt»

Der Völkermord an den Aramäern jährt sich 2015 zum hundertsten Mal. Die Gewalt in der Heimat liegt weit weniger zurück und die jüngsten Ereignisse in Paris lassen bei Baydars die Erinnerungen daran aufleben. Erinnerungen an Georgs fünfjährigen Neffen, der entführt, vergiftet in einen Brunnen geworfen wurde. «Eiskalt lief es mir den Rücken hinunter», sagt er. Krank und keine Menschen seien die Extremisten, die ein friedliches Zusammenleben zerstörten. Denn das ginge sehr wohl. «Gott gibt und nimmt Leben», sagt Georg, aber leider gebe es Menschen, die sich das herausnehmen wollten. «Weder Mohammed noch Jesus würden je Menschen töten wollen.»

von Elia Diehl. Erschienen am 19. Januar 2015 im Badener Tagblatt. Foto: Chris Iseli/AZ

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Portrait von Familie Baydar im Badener Tagblatt vom 19. Januar 2015

 

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Elia Diehl

Elia Diehl

Journalist at AZ Medien
Journalist bei einer regionalen Zeitung, studierter Sportwissenschaftler und Sportlehrer, emotionaler und kritischer Vieldenker, im Herzen stets nur Musiker gewesen, in der Küche immer auf der kreativen Suche nach dem kulinarischen Orgasmus, Möchtegernmaler, rastlos auf der Flucht vor sich selbst mit Drang, einfach fortzugehen.
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