Marcel Christen: Der gesündere Mick Jagger mit Fahrrad und Gitarre. (Foto: Elia Diehl)

Marcel Christen ist der gesündere Mick Jagger

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Aarau · Marcel Christens Leben ist stets auf der Überholspur verlaufen, immer am Limit. Ein Skiunfall holte ihn vor 42 Jahren aber von den Beinen. Rollstuhl und Krücken wurden zu seinen Begleitern. Doch der Küttiger kämpfte sich mit aufopferndem Training zurück ins Leben. Heute ist der 68-Jährige einer der besten Ü-60-Radfahrer weltweit und Besitzer eines Fitnesscenters. Nun möchte er auch zurück auf die Bühne, seine zweite grosse Leidenschaft ist die Musik. Bis ins hohe Alter will er rocken wie seine Idole: die Rolling Stones. 

Marcel Christen: Der gesündere Mick Jagger mit seinen Leidenschaften – dem Fahrrad und der Gitarre. (Foto: Elia Diehl)

Die Tage beginnen bei Marcel Christen meist schleppend. Vor allem morgens macht sich die schwere Arthrose im deformierten rechten Fussgelenk bemerkbar. «Er braucht jeweils eine längere Anlaufzeit», sagt seine Frau Susanne Preusser. Es sind diese Stunden, welche bei Marcel Christen die Erinnerungen an seinen schweren Unfall vor vielen Jahren aufleben lassen.

Marcel Christen tut alles für seinen Körper. Täglich verbringt er mehrere Stunden in seinem Fitnesscenter «Step by Step». (Foto: Elia Diehl)
Marcel Christen tut alles für seinen Körper. Täglich verbringt er mehrere Stunden in seinem Fitnesscenter «Step by Step». (Foto: Elia Diehl)

Die frühen 70er-Jahre: Marcel Christen stürzt im Training mit der Skinationalmannschaft – beide Unterschenkel sind zertrümmert. Die komplizierte Operation verläuft gut, doch die Ärzte arbeiten nicht steril und übersehen einen tiefen Knocheninfekt. Marcel Christens rechtes Fussgelenk stirbt fast komplett ab. Eine Amputation verweigert er. 10 Operationen und drei Jahre später ist der Fuss gerettet. Doch die Lebensträume des damals 29-Jährige sind zerplatzt. Er ist fortan auf Rollstuhl und Krücken angewiesen.

Sport als Rettung

In den 80er-Jahren fährt Marcel Christen erst noch Autorennen, ehe er langsam zum Sport zurückfindet. Das tut ihm gut und so schöpft er frischen Lebensmut. So entwickelt sich Marcel Christen fortan zum pedantischen Gesundheitsfanatiker. Wie ein Besessener schindet er seinen Körper. Er trainiert und trainiert, bis er wieder ohne Krücken gehen kann.

Auch heute macht der 68-jährige Unternehmensberater dies noch genau gleich. «Für ein gesundes Leben musst du etwas tun», sagt Marcel Christen. So ist er an den Nachmittagen stets in seinem eigenen Fitnesscenter «Step by Step» in Aarau anzutreffen – Schmerzen hin oder her. Doch diese lässt er sich nicht anmerken. Einzig die rechte Ferse setzt er beim Stehen nie ganz ab. «Er schont sich mit dem harten Training», weiss Susanne Preusser. Die diplomierte Fitnessinstruktorin hat im Center die Geschäftsleitung inne. Mehrere Stunden schuftet Marcel Christen hier neben seiner Frau und seinen Kunden. Unzählige Kilometer fährt er hier auf dem Fahrrad.

Marcel Christen ist längst zum Leistungssportler geworden und hat schon vieles erreicht. Er ist aktueller Ü60-Vize-Schweizermeister im Zeitfahren. An den Seniorenweltmeisterschaften 2014 erreichte er den 22. Platz. Aber er hat auch noch einiges geplant. «2017 möchte ich den Stundenweltrekord der Senioren auf der Bahn brechen», sagt Marcel Christen. Dafür muss er in einer Stunde mehr als 43 Kilometer weit fahren.

(Video: Elia Diehl)

«Musik ist Leben»

Abends zieht sich Marcel Christen in den Keller seines Hauses in Küttigen zurück. Hier stehen seine alten Gitarren. Er übt – so wie er trainiert: Besessen.

Seit der Kindheit schlagen in seiner Brust zwei Herzen. Das eine sehnte sich nach Bewegung, das andere nach musikalischen Klängen. Beeinflusst von Elvis Presley und Bill Haley fand er früh zur Gitarre. «Musik – das ist Leben», sagt er, «was wären die Menschen ohne sie?»

Jahrelang verstaubte die Gitarre alleine im Keller. Nun leistet Marcel Christen ihr jeden Abend Gesellschaft und übt. (Foto: Elia Diehl)
Jahrelang verstaubte die Gitarre alleine im Keller. Nun leistet Marcel Christen ihr jeden Abend Gesellschaft und übt. (Foto: Elia Diehl)

Doch nach dem Ökonomie-Studium in Kanada und seinem schweren Unfall verstaubt seine Gitarre. Erst als es ihm körperlich wieder besser geht, greift er wieder zu ihr. Er spielt in verschiedenen Bands. Bis zur Geburt seines ersten Kindes studiert Christen sogar nochmals einige Jahre an der Jazzschule Luzern. «Ja wenn, dann richtig», sagt er heute. «Du musst es einfach tun, deine Wünsche selbst erfüllen.» Ganz nach seinem Motto: Just do it. «Oder so wie es die Rolling Stones sangen: Catch your dreams before they sleep away.»

Ich machs wie Mick Jagger – bloss weniger peinlich und vor allem viel gesünder.Marcel Christen

Und doch rückte die Musik wieder in den Hintergrund. Die Familie und der Beruf, aber ganz besonders auch die Gesundheit und der Sport haben Vorrang. Erst 2014 holt er auf Anraten seiner Frau die Gitarre aus dem Keller. Marcel Christen ist mittlerweile im Pensionsalter und hat viel Zeit. «Ich muss neben dem Sport doch noch etwas anderes machen», sagt er, «jetzt wo ich auf die 90 zugehe.» Denn nur extensiver Sport, das ginge im Alter nicht mehr.

Halbe Sachen macht Marcel Christen aber nie. Kurzerhand gründete mit einem befreundeten Gitarristen eine Band. «Noch suchen wir einen Drummer, der zu uns passt», sagt er. Aber das Ziel ist klar: Auf der Bühne vor Publikum rocken. Einen Konflikt mit dem Alter sieht er nicht, schliesslich sind seine grossen Idole, die «Rolling Stones», auch noch aktiv. «Ich mach’s wie Mick Jagger», sagt er. «Bloss weniger peinlich und vor allem viel gesünder.»

(Audioslideshow: Elia Diehl)

Diplomarbeit
Elia Diehl hat berufsbegleitend die Journalistenschule MAZ in Luzern besucht und das Journalismus-Studium mit dieser Diplomarbeit abgeschlossen. Das vollständige Portrait von Marcel Christen ist in der Aargauer Zeitung vom Montag, 2. Februar 2015, erschienen.
von Elia Diehl. Erschienen am 2. Februar 2015 auf www.aargauerzeitung.ch. Fotos: Elia Diehl/AZ

Elia Diehl

Elia Diehl

Journalist at AZ Medien
Journalist bei einer regionalen Zeitung, studierter Sportwissenschaftler und Sportlehrer, emotionaler und kritischer Vieldenker, im Herzen stets nur Musiker gewesen, in der Küche immer auf der kreativen Suche nach dem kulinarischen Orgasmus, Möchtegernmaler, rastlos auf der Flucht vor sich selbst mit Drang, einfach fortzugehen.
Elia Diehl

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