Dank dem Sport kann Marcel Christen trotz seiner Leidensgeschichte noch Lachen. (Foto: Elia Diehl)

Stehen können, aber nie stehen bleiben

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Hart am Limit – Marcel Christen lebt auf der Überholspur

Aus dem Rollstuhl aufs Rennradfahrer-Podest

Aarau · Ein schwerer Unfall fesselte Marcel Christen für fast zwei Jahrzehnte praktisch an den Rollstuhl. Doch der 68-Jährige hat sich zurückgekämpft und ist heute einer der besten Senioren-Radrennfahrer weltweit.

Der 68-jährige Küttiger trainiert täglich in seinem Fitnesscenter “Step by Step” in Aarau. Man erkennt ihn an seinen stets neonfarbigen Socken, die er oft weit über die Waden hochzieht. (Foto: Elia Diehl)

Lässig schlendert er im Fitnesscenter von einem Gerät zum anderen. Mehrere Stunden täglich schindet der 68-Jährige hier seinen Körper. Dabei wird er immer wieder unterbrochen. Ein Schulterklopfen hier, ein kumpelhafter Handschlag dort. Alle kennen hier Marcel Christen, den jung gebliebenen Radrennfahrer, den aktuellen Ü60-Vize-Schweizermeister im Zeitfahren.

Wie immer trägt er seine neonfarbenen Sportsocken. Oft sind sie weit über die drahtigen Waden hochgezogen. Dann verdecken sie seine Narben. Diese sind Zeugen eines Skiunfalls, der Marcel Christens Leben vor über 40 Jahren von Grund auf verändert hat. Denn dass der Gründer und Mitinhaber des Fitnesscenters «Step by Step» in Aarau überhaupt auf zwei Beinen steht, ist ein kleines Wunder. Ein Wunder, das sich Marcel Christen Schritt für Schritt erkämpfen musste.

Der tiefe Fall

Nach einem Wirtschaftsstudium in Montreal war der gebürtige Schaffhauser 1968 in die Schweiz zurückgekehrt. Erst 22-jährig wurde er Chef-Assistent bei «Kleider Frey» in Wangen bei Olten. «Ich war ein junger Schnösel und hatte keine Ahnung», sagt Marcel Christen mit nasaler Stimme. Eines wusste er aber: Er wollte in die Schweizer Skinationalmannschaft, wie Bernhard Russi, mit dem er als Jugendlicher in Andermatt oft die Pisten unsicher machte.

Christen trainierte hart, so auch am 1. Dezember 1972 in Corviglia. An jenem Freitag hätte er eigentlich seine Stelle bei «Sprecher & Schuh» in Aarau antreten sollen. Bis zu seinem ersten Arbeitstag sollten aber noch mehr als drei Jahre vergehen.

«Wir bretterten wie Deppen, trotz Nebel», erinnert er sich genau. Plötzlich verlor der damals 26-Jährige den Boden unter den Ski. Er fiel. Sein Sturz stoppte abrupt in einem kleinen Loch. «Ich hörte es sofort knacken.» Doch es waren nicht die Langriemen-Ski, die nachgaben.

Der Anfang einer Odyssee

Seine Unterschenkel waren oberhalb der Fussgelenke zertrümmert. Umgehend wurde er im Spital in Samedan operiert. Beide Beine im Gips und voller Schrauben und Platten kehrte er ins Elternhaus nach Schaffhausen zurück. Bei der ersten Kontrolle nach zwei Wochen klagte er über starke Schmerzen im rechten Bein. Links hatte er trotz schlimmerer Fraktur jedoch keine Probleme. Marcel Christen wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. «Aber es interessierte keinen, sie schickten mich jedes Mal weg», quietscht er. Seine Stimme wird höher und überschlägt sich, wenn er sich enerviert.

Du verdammte, blöde Kuh, ich hab’s dir doch gesagt!Marcel Christen

Erst drei Monate später wurde der Gips geöffnet. «Du verdammte, blöde Kuh, ich hab’s dir doch gesagt!», schrie er und zog die Ärztin am Kragen ihres Kittels zur Liege. Sein rechter Fuss war bis zur Mitte der Wade schwarz; abgestorben wegen eines tiefen Knocheninfekts; ausgelöst durch nicht sterile Schrauben. Es drohte eine lebensbedrohliche Blutvergiftung. Das Urteil der Ärzte: sofortige Amputation.

«Damit hätte ich nicht leben können», sagt Marcel Christen. Er liess sich umgehend die Unterlagen aushändigen. Er hatte keine Zeit zu verlieren. Wie ein Hausierer klapperte er die nächsten Tage Spital für Spital ab. Über Winterthur, Zürich und Solothurn landete er schliesslich in Olten, wo man sich bereit erklärte, seinen Fuss zu retten. Die nächsten Jahre verbrachte er hauptsächlich im Spital. Bis er wieder einigermassen gehen konnte, sollten aber noch fast zwei Jahrzehnte vergehen.

Just do it

Aufgeben kennt Marcel Christen trotz vieler Rückschläge nicht. Nicht damals, nicht heute. Vergangenes interessiert ihn kaum. «Das Leben geht nicht rückwärts», sagt er. Es gäbe nur den Weg, der vor einem liege. Doch dass dieser gut und lang werde, dafür müsse jeder selbst etwas tun. «Just do it» lautet eines seiner Mottos, das er auch im Fitnesscenter verbreitet. «Das Energiepotenzial des Menschen ist absoluter Wahnsinn, aber viele setzen es nicht um.»

Geprägte Beine.
Vom Schicksal geprägte Beine. (Foto: Elia Diehl)

Wenn sich Marcel Christen etwas in den Kopf setzt, dann tut er es auch. Meist entscheidet er aus dem Bauch heraus. «Oft denkt man, jaja mach du mal», sagt seine heutige Frau Susanne Preusser. Und plötzlich habe er es dann einfach getan. So war es auch, als er sein Fitnesscenter eröffnete. «Marcel strotzt vor Energie», sagt Preusser, «das fällt oft nicht auf.» Das macht es für seine Mitmenschen jedoch oft nicht leicht, mit ihm Schritt zu halten. Ihr Mann habe im Leben gelernt, Ansprüche nicht an andere zu stellen, erklärt Preusser, sondern sich seine Wünsche selbst zu erfüllen. Das Wichtigste ist dem dreifachen Vater aber die Familie, sie gibt ihm Kraft. «Marcel hat dennoch etwas Egomanisches an sich – und das ist nicht bös gemeint.» Diese Veranlagung kommt dem 68-Jährigen allerdings bei Zeitfahrrennen zugute: «Es ist der Sport der schrecklichen Egomanen.»

Die soziale Isolation

Ab April 1973 verbrachte Marcel Christen drei Jahre nur im Kantonsspital Olten und zu Hause im Bett. «Völlig isoliert, abgemeldet und allein», sagt er, «und ich war komplett von der Rolle.» Er nahm die gravierende Situation plötzlich nicht mehr ernst. Unter Einfluss starker Medikamente wurde es für ihn zu einem surrealen Spiel, das er von aussen beobachtete. Ein Spiel mit hohem Einsatz – seinem Bein, seinem Leben. Marcel Christens Erinnerungen an diese Zeit der Schwäche und Hilflosigkeit sind verschwommen. Er blendet sie lieber aus.

Das Energiepotenzial des Menschen ist absoluter Wahnsinn, aber viele setzen es nicht um.Marcel Christen

Die medizinische Odyssee begann ausgerechnet mit einer Teilamputation des Unterschenkels. «Sie schnitten alles Abgestorbene weg: Haut, Muskeln, Knochen.» Die komplizierte Rekonstruktion benötigte über zehn Operationen und mehrere Knochenmarktransplantationen. Sein linkes Bein diente den Ärzten dabei als Ersatzteillager. Grosse Teile seiner linken Wade wurden mittels Cross-Leg-Plastik ans rechte Sprunggelenk verpflanzt. «Sieben Wochen lag ich mit gekreuzten und zusammengewachsenen Beinen im Spital», sagt er ernst, «so etwas prägt dich fürs Leben.»

Mitte 1976 verliess Marcel Christen schliesslich das Spital – mit zwei Füssen. Endlich konnte er seine Arbeitsstelle als Chef-Controller bei «Sprecher & Schuh» antreten. Wegen starker Knochendeformationen, schmerzhafter Arthrose, Unbeweglichkeit und verkürzter Wadenmuskeln sollte er dies jedoch im Rollstuhl tun. «Doch ich hasste das Teil», sagt er, «also hüpfte ich meist mit Krücken oder auf einem Bein umher.» Die Beschwerden blieben und er sollte nie wieder einen Arzt an seinen rechten Fuss lassen.

Nicht mehr ins System zurück

Finanziell hatte Marcel Christen auch vor seiner Rückkehr in die Arbeitswelt keine Probleme. Er verdiente gut, sodass er sich als 27-Jähriger bereits sein erstes eigenes Haus leisten konnte. «Ich stand seit 1972 auf der Lohnliste von ‹Sprecher & Schuh›», sagt er schmunzelnd. Auf der Lohnliste – so verstand er es auch in seinen aktiven Arbeitsjahren bis 1987. «In den 80ern war ich nicht viel anwesend», sagt er, und seine Stimme überschlägt sich wieder. «Bireweich – ich wusste ja nicht einmal all meine Controller zu beschäftigen.» Mit dem Direktor habe er also eine Übereinkunft getroffen. «Ich stehe hinter dir und bin da, wenn du mich brauchst», erinnert sich Marcel Christen. «Ansonsten sitze ich aber sicher nicht meine Zeit im Büro ab.»

Stattdessen weilte er oft in den USA, um dort alte «Chevy Corvette» zu kaufen. In der Schweiz restaurierte er die Occasion-Autos und verkaufte sie danach gewinnbringend. Damit finanzierte er auch sein grosses Hobby, dem er während der gesamten Zeit bei Sprecher & Schuh nachging: Mit seinem «Swiss Corvette Racing Team» fuhr er regelmässig Autorennen. Nebenher studierte der leidenschaftliche Gitarrist sogar auch einige Jahre an der Jazzschule Luzern.

Dies tat er aber nicht nur auf der Strasse. Marcel Christen fuhr auch Rennen. (Foto: ZVG)
Marcel Christen und seine geliebte Corvette Anfang der 1980er-Jahre. (Foto: ZVG)

«Nach der Spitalzeit habe ich nie wieder richtig zurück ins System gefunden», versucht Christen seinen eigenwilligen Lebensstil zu erklären. Noch heute schwimmt er gerne mal gegen den Strom. An Weihnachten fährt er beispielsweise Rad – draussen bei null Grad. «Das macht eben sonst niemand», sagt Susanne Preusser, er liebe es, aufzufallen und anzuecken. «Heute bin ich aber fast schon ein Bünzli», winkt Marcel Christen ab.

Das war in den frühen 70ern anders, als er mit der Roten Armee-Fraktion (RAF) sympathisierte. «Mein Hass auf das System war unbändig.» Nur der Skiunfall bewahrte ihn vor einem Eintritt in die linksextremistische Vereinigung. «Ich habe gerade noch so die Kurve gekriegt.» Doch woher kam die Wut auf eine Gesellschaft, die ihn doch aufgefangen hatte? «Meine Mutter», sagt der gebürtige Schaffhauser trocken.

Die Kindheit in elitärem Umfeld

«Meine Jugendzeit war schwierig und irgendwie doch nicht», sagt Marcel Christen. Mit seiner Schwester wuchs er in einem elitären Umfeld der Nachkriegszeit auf. Die Mutter eine reiche Schaffhauser Industriellenerbin, der Vater Künstler, Musiker – und Alkoholiker. «Aber er war ein sehr intelligenter Mann und immer für uns Kinder da.» Mit der Scheidung verändert sich für den damals 10-Jährigen alles. «Sie schickte ihn zum Teufel – und ich hatte plötzlich keinen Vater mehr.»

Mein Hass auf das System war unbändig.Marcel Christen

Die Mutter habe danach ihre Kinder praktisch ignoriert. «Sie war etwas einfältig. Sie bevorzugte Nerzmäntel und die High Society.» Das Spielen im Freien mit anderen Kindern untersagte sie ihm. «Dabei hatte ich solch einen Bewegungsdrang.» Marcel Christen begann zu rebellieren, mit Folgen. Nicht selten sperrte ihn seine Mutter nachts in den kalten Keller. «Zuvor schraubte sie jeweils die Glühbirne heraus.» In diesen dunklen, schlaflosen Nächten begann in Marcel Christen die Wut auf die elitäre Klasse und das System zu keimen.

Alles für ein langes Leben

Ende der 70er-Jahre richtete sich seine Wut jedoch auf die Ärzte, welche ihn falsch behandelt hatten. Trotz Dankbarkeit für die Oltner Ärzte, die ihm den Fuss retteten, hält sein Misstrauen gegenüber der Schulmedizin bis heute an. So hat er auch erst seit einigen Monaten eine Krankenversicherung, obschon diese seit 1996 obligatorisch ist. «Was soll ich damit?», sagt Christen mit sich überschlagender Stimme. Er mache doch so viel für seinen Körper.

Marcel Christen kocht – pedantisch gesund. (Foto: Elia Diehl)

 

Tatsächlich lebt der Leistungssportler heute fast schon asketisch: Alkohol trinkt er schon lange nicht mehr, andere Suchtmittel nimmt er sowieso nicht. «Im Ausgang gibt’s immer ein Glas Wasser mit einem Zitronenschnitz», sagt er lachend. Vor drei Jahren hat er auch Kaffee aufgegeben. Kochen, das tut zu Hause seit 30 Jahren fast ausschliesslich er – pedantisch: nur mit frischer Ware, stets fettarm und mit ausgewogenem Säuren-Basen-Gehalt.

Das ist doch schlimm, das ist doch schlimm. Wie kann das Leben der Menschen nur so abdriftenMarcel Christen

«Du musst deinem Körper Sorge tragen, wenn du eine hohe Lebensqualität bis zum Tod willst», sagt der grossgewachsene Mann ernst. Lebenserfahrung, das wolle er, und die gebe es nur durch ein langes Leben. «Bei Sprecher & Schuh» hätten sie ihn damals oft ausgelacht, wenn er mittags trotz grosszügiger Spesen nur Salat ass. «Sie hingegen rauchten, soffen und frassen», keift Christen. Sie galten als die starken Kerle, die viel arbeiteten und noch mehr verdienten. «Wozu? Heute lebt keiner mehr von ihnen.» Entsetzt murmelt Marcel Christen mehrmals vor sich hin: «Das ist doch schlimm, das ist doch schlimm. Wie kann das Leben der Menschen nur so abdriften?»

Born to be strong

Anfang der 80er-Jahre ging es mit seinem Fuss wieder schlechter. Nach anfänglichem Hadern mit dem Schicksal entwickelte Marcel Christen seinen ausgeprägten Gesundheitssinn. «Niemand kann dir helfen, nur du selbst kannst dich retten.» Er wollte allen zeigen, was es wirklich heisst, ein starker Mensch zu sein. «Born to be strong» – sein zweites Lebensmotto. Er ist überzeugt: «Jeder kriegt im Leben nur die Bürde, welche er auch tragen und verkraften kann.»

Marcel Christen setzte seine Hoffnung in die alternative Medizin. «Ich habe alles ausprobiert.» Steinheilung, indianische Ast-Therapie, Akupunktur, Therapien mit Rauch, Wärme und Heublumen, Esoterik – und der Glaube. «Religion interessiert mich nicht», sagt er, aber spirituell sei er. «Ich glaube an eine höhere Kraft, die uns lenkt. Es gibt Energien, von denen wir nichts wissen.» Dazu gehöre die Kraft des positiven Gedankens. «Marcel macht so viel mit dem Kopf», sagt auch Susanne Preusser.

Verlorene Jahre aufholen

Ohne Krücken gehen konnte er aber erst Anfang der 90er-Jahre wieder, als er zum Sport zurückfand. Mittlerweile hatte Marcel Christen das sinkende Schiff «Sprecher & Schuh» verlassen und sich mit einer Consulting-Firma als Unternehmensberater selbstständig gemacht. Er trainierte wie besessen. «He ja», sagt er mit piepsiger Stimme, «ich musste 18 potenzielle Bewegungsjahre aufholen.»

Seit 25 Jahren trainiert er zusammen mit Stefan. "Wir haben eine gemeinsame Sportlerseele", sagt dieser. "Fehlt einer, irrt der andere nur hilflos umher." (Foto: Elia Diehl)
Seit 25 Jahren trainiert er zusammen mit Stefan. “Wir haben eine gemeinsame Sportlerseele”, sagt dieser. “Fehlt einer, irrt der andere nur hilflos umher.” (Foto: Elia Diehl)

Im Fitnesscenter eines ehemaligen Radprofis lernt er die Liebe zum Radfahren und seinen heutigen Trainingspartner Stefan kennen. Seit nun 25 Jahren trainieren sie mindestens dreimal wöchentlich zusammen. Eisern – immer Montag, Mittwoch und Freitag. «Entweder du trainierst, oder du bist tot», sagt Marcel Christen. «Wir haben eine gemeinsame Sportlerseele», ergänzt Stefan schmunzelnd. «Fehlt einer, dann irrt der andere nur hilflos umher.»

Entweder du trainierst, oder du bist tot.Marcel Christen

Stefan war es auch, der Marcel Christen die Idee eines eigenen Fitnesscenters einpflanzte. Denn Anfang 2005 kam es mit dem Besitzer ihres Fitnessstudios zum Bruch. Plötzlich standen sie auf der Strasse. Dem Bauchmenschen Christen gefiel die Idee, andere Menschen für ein gesundes Leben zu motivieren. «Just do it» sagte er sich und innert eines halben Jahres setzte er den Plan um. Im Januar 2006 eröffnete er 59-jährig das «Step by Step» in Aarau. «Wenn ich etwas mache, dann richtig», sagt er. «Natürlich hätte es ohne Glück und ohne meine Geschäftspartnerin Leonie Frieden nicht geklappt.»

Das radikale Stehaufmännchen

Das Glück hat Marcel Christen nie gepachtet, er erarbeitet es sich. Mitte der 90er-Jahre fällt er wie 1972 in ein tiefes Loch – diesmal ein Gefühlsloch. Die Scheidung von seiner ersten grossen Liebe und Mutter seiner beiden Kinder wirft ihn erneut aus der Bahn. «Niemand scheitert gerne», sagt Susanne Preusser, «Marcel schon gar nicht.» Die damals erst 25-Jährige war es, die ihn auffing. Sie wurde zur neuen grossen Liebe und schenkte ihm 2002 seinen zweiten Sohn Nick.

Nach der Scheidung brach Marcel Christen mit der Vergangenheit – radikal. Sofort verkaufte er sein Haus in Asp und seine Corvette. Auch mit dem Autoimport hörte er auf. «Da bin ich schnell», sagt er, «das hat mir alles kein Glück gebracht.» Schon 1996 zog er mit Susanne und seinen Kindern Jennifer und Julian in sein neugebautes Holzhaus in Küttigen. «Marcel ist ein Mann der Extreme», sagt seine heutige Frau. Nach einem glimpflich ausgegangenen Töffunfall im selben Jahr verschenkt er das Motorrad kurzerhand.

Von seinem 35000-Franken-Rennrad würde Marcel Christen sich aber nie trennen – auch nach Unfällen nicht. Und davor blieb er nicht gefeit. 2001 fuhr ihn ein betrunkener Porsche-Fahrer an. Trotz Hirnerschütterung und Schulterluxation musste ihn seine Frau zwingen, ins Spital zu gehen. «Er hat wirklich Angst vor Ärzten.» Anfassen durfte ihn damals niemand. «Du lässt schön die Finger weg», schnauzte er die Ärzte an. Stattdessen riet er zu einer «Augendiagnostik». «Furchtbar peinlich», sagt Susanne Preusser lachend, «aber mit der Zeit auch lustig.» Sechs Jahre später musste sich Marcel Christen dann doch nochmals den Ärzten und einer Operation fügen.

Die späte Versöhnung

Im Januar 2007 brach sich seine Mutter den Oberschenkel. Trotz Kälte, Nässe und Wind machten sich Marcel Christen und Sohn Julian mit dem Rad auf nach Schaffhausen, um die «Nonna» im Spital zu besuchen. Die Tour endete jedoch schon in Turgi. «Ich fuhr langsam über einen Fussgängerstreifen», erzählt Christen, als sein Vorderrad sich wie von Geisterhand querstellte. Er stürzte zur rechten Seite und konnte nicht mehr aufstehen.

Seit Jahren fährt Marcel Christen nun Rennen (hier an der WM 2007). Zuletzt wurde er 2014 bei den Senioren Vize-Schweizermeister im Zeitfahren und 22. an der Weltmeisterschaft. (Foto: ZVG)
Seit Jahren fährt Marcel Christen nun Rennen (hier an der WM 2007). Zuletzt wurde er 2014 bei den Senioren Vize-Schweizermeister im Zeitfahren und 22. an der Weltmeisterschaft. (Foto: ZVG)
Marcel Christen_Musik_1952
Seine zweite grosse Leidenschaft: die Musik. (Foto: Elia Diehl)

Susanne Preusser fuhr ihn mit dem Auto danach nach Schaffhausen, direkt in den Notfall. Diagnose: Oberschenkelhalsbruch. Marcel Christen wurde operiert. «E suuberi Büez esch das gsi», sagt er. Es war eine späte Versöhnung mit dem Ort, wo 35 Jahre zuvor sein Leiden begann. «Zudem lag ich auch noch zur selben Zeit mit derselben Verletzung im selben Spital wie meine Mutter – bloss zwei Zimmer weiter», sagt Marcel Christen. An einen Zufall glaubt er nicht. Drei Tage nach seiner Operation wurde er entlassen. An Krücken besuchte er zuvor seine Mutter, mit der ihn eine Hassliebe verband. Es sollte das letzte Treffen gewesen sein. Während er am nächsten Tag bereits wieder trainierte, verstarb seine Mutter – rund zwei Wochen vor ihrem 100.Geburtstag.

Die Angst vor dem Alter

«Alt werden», schnaubt Marcel Christen, während er im Fitnesscenter kräftig in die Pedale tritt. «Das macht mir Angst.» Die Kontrolle über seinen Körper zu verlieren, fürchtet er am meisten. Dagegen wehrt er sich vehement. «Je mehr der Körper abgibt, desto härter trainiere ich.» In zwei Jahren möchte er den Ü70-Stundenweltrekord auf der Bahn brechen. Zudem soll es endlich mit einer Topplatzierung an der Senioren-WM klappen.

Ja, was soll ich denn sonst tun, mich erschiessen?Marcel Christen

Der 68-Jährige hat noch vieles vor, jetzt, wo er auf die 90 zugehe. Nachdem seine Gitarren zwei Jahrzehnte lang im Keller verstaubten, will der grosse Rolling-Stones-Fan mit seiner neu gegründeten Band wieder auftreten. Wie Mick Jagger – bloss gesünder. «Ich fühle mich nicht am Ende meines Lebens.» 2015 plant er eine Südpolexpedition und eine Biketour durch Tibet. «Ja, was soll ich denn sonst tun», sagt Marcel Christen, «mich erschiessen?»

Mehr Fotos, Videos und mehr zu Marcel Christens Leidenschaft Musik findest du im Artikel “Marcel Christen ist der gesündere Mick Jagger”.

Diplomarbeit
Elia Diehl hat berufsbegleitend die Journalistenschule MAZ in Luzern besucht und das Journalismus-Studium mit dieser Diplomarbeit abgeschlossen.
von Elia Diehl. Erschienen am 2. Februar 2015 in der Aargauer Zeitung. Fotos: Elia Diehl

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Elia Diehl

Elia Diehl

Journalist at AZ Medien
Journalist bei einer regionalen Zeitung, studierter Sportwissenschaftler und Sportlehrer, emotionaler und kritischer Vieldenker, im Herzen stets nur Musiker gewesen, in der Küche immer auf der kreativen Suche nach dem kulinarischen Orgasmus, Möchtegernmaler, rastlos auf der Flucht vor sich selbst mit Drang, einfach fortzugehen.
Elia Diehl

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